Besser leben in Berlin

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Arbeitgeber in Berlin

Statistisch gesehen verbringt der Mensch mehr Zeit auf Arbeit als aktiv bei seiner Familie. Da sollte der Job also nicht nur das nötige Kleingeld bringen, sondern auch Spaß machen, inspirieren und Gelegenheiten bieten, mehr daraus zu machen, Karriereleitern zu erklimmen, Sinn stiften – und sich gleichzeitig gut mit allen anderen wichtigen Dingen im Leben vereinbaren lassen. Wer wo die Balance in Berlin gut schafft, welche Herausforderungen dafür zu meistern sind, das lesen Sie hier.

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Die virtuelle Nachbarschaft räumt Berlin auf

Nachbarschaftshilfe kann irgendwann jeder gebrauchen – Gemeinsamkeit macht stark. Foto: Andrea Nickel

Ein Glück kommt selten allein. Diesen Schluss lässt die Geschichte von Melanie Burger zu, einer 46-Jährigen aus Friedrichshagen, einem Stadtteil von Berlin-Köpenick. Sie wollte einige Grünanlagen in ihrer Nachbarschaft am Müggelsee vom Müll befreien und schaffte nicht nur das. Sie fand eine neue Freundin und entwickelte das Heimatgefühl, das ihr lange gefehlt hat. Aber von vorn.

Köpenick bietet seinen Bewohnern ein paar wunderschöne Badestellen, doch die waren in diesem Sommer voller Müll. „Da lag Dreck wie verrückt“, sagt Burger. Nachts werde am Müggelsee Party gemacht. Kippen, Bierdosen, Taschentücher bleiben zurück. Das sollte nicht so bleiben, fand sie. Schließlich wollte sie dort selbst gern baden und sich dabei wohlfühlen.

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Lokal statt international

An einer Badestelle sah sie einen Zettel, der zum Aufräumen einlud und auf die Facebook-Seite „Forge a better world“ verwies. Burger fand die Initiative der Anwohnerin Andrea Nickel großartig. „Doch Facebook ist nicht lokal genug und nicht jeder ist bei Facebook“, sagte sie sich.

Sie kannte nebenan.de, ein digitales Netzwerk, das Menschen in Nachbarschaften miteinander in Kontakt bringt. Normalerweise ist Burger zurückhaltend, wenn es darum geht, ihre Daten im Internet zu hinterlassen. Dennoch fasste sie zu nebenan.de Vertrauen: „Die sammeln keine Daten über mich. Die Menschen in dem Netzwerk sind alle echt“, sagt sie.

In der Tat hat nebenan.de strenge Regeln für die Registrierung. Wer sich anmeldet, muss nachweisen, dass er tatsächlich am angegebenen Ort wohnt: mithilfe seines Personalausweises oder des Briefkopfs eines offiziellen Schreibens eines Amts, der Strom- oder Telefongesellschaft. Das wird geprüft und erst dann wird das Profil freigeschaltet.

Traditionelle Struktur Berlins

Mitglieder können anschließend mit Menschen in ihrer Nachbarschaft in Kontakt treten – und zwar nur mit dieser. Das Netzwerk hat diese so konzipiert, wie sie historisch gewachsen sind. Die Nachbarschaften sind überschaubar, es sind meist nur wenige Straßenzüge. Wer möchte, kann die angrenzenden Nachbarschaften im eigenen Profil mit hinzunehmen.

Melanie Burger ist zum Beispiel in Friedrichshagen West registriert. Sie ist eine von 315 Nutzern in ihrem Kiez. In Friedrichshagen Ost leben 411 aktive Nutzer. Angrenzende Nachbarschaften sind zum Beispiel Köpenick Nord, Köpenicker Dammvorstadt und der Köpenicker Altstadt-Kiez. Insgesamt erreichen Burgers Beiträge, wenn sie die angrenzenden Nachbarschaften aktiviert, 2.660 Nachbarn.

Um Anwohner zum Aufräumen einzuladen, postete Burger fünf Aufräumaktionen bei nebenan.de und die Zahl der Menschen, die sonntags kamen, um zu helfen, wuchs. „Wenn andere zur Messe gehen, trafen wir uns“, sagt sie. An fünf Badestellen, am Eingang zu einem Park und auf Wegen sammelten bis zu 30 Freiwillige Müll ein. „Wir haben 106 fette blaue Müllsäcke vollbekommen“, sagt Burger. Hinzu kam Sperrmüll: Überlandkabel, Bettgestelle, Kinderwagen, Einkaufstrolleys. Die BSR half, die Säcke und den Sperrmüll fortzuschaffen und gab Warnwesten, Handschuhe und Greifer aus.

 

 

Eine Community wächst

Burger staunte, wie die Aktion ihr Leben veränderte. Sie zog erst vor fünf Jahren nach Friedrichshagen. Ihre Eltern waren 1984 aus der DDR ausgebürgert worden, wo die Familie in Rüdersdorf, im Osten Berlins, gelebt hatte. Nach vielen Jahren in Hamburg zog es Burger zurück in die alte Heimat. Doch wirklich Fuß fasste sie erst in den letzten Monaten.

Nach den Aufräumaktionen traten die Helfer gemeinsam den Heimweg an und blieben über die Sonntage hinaus verbunden. „Wenn ich durch die Straßen gehe, treffe ich Leute, die mit aufgeräumt haben. Wir bleiben stehen und quatschen ein bisschen“, sagt sie.

Burger bewirbt inzwischen auch den Chor, in dem sie singt, auf nebenan.de und hat vor kurzem durch das Netzwerk den perfekten Schuster gefunden, der auch noch bezahlbar war. Wenn sie über all das spricht, wird sie ganz gerührt, weil sie so viel Idealismus und Zusammengehörigkeit bei den Aufräumaktionen gespürt hat. Das wirkt bis heute nach „Es ist viel einfacher geworden, Menschen anzusprechen“, sagt sie dankbar. Und eine neue Freundin sie auch gefunden.

Vorbild aus Amerika

Beeindruckt hat sie zudem die Geschichte des Gründers von nebenan.de, Christian Vollmann. Der heute 41-Jährige hatte bereits eine steile Karriere hinter sich, bevor er vor drei Jahren nebenan.de online stellte. Er gründete unter anderem die Portale „eDarling“ und „my video“, die er beide mit hohem Gewinn verkaufte. Doch glücklich machte ihn das Geld nicht. Er saß mit Frau und drei Kindern in seiner Eigentumswohnung in Mitte und überlegte, was als nächstes kommen könnte.

Das amerikanische Vorbild von nebenan.de, „nextdoor“, kam ihm immer wieder in den Sinn und schließlich überzeugte er seinen Bruder und einen weiteren Partner eine deutsche Variante ins Leben zu rufen. Auf die Frage, wieso Nachbarschaftshilfe heute digital organisiert werden muss, fallen Vollmann gleich drei Gründe ein.

Nebenan.de hat mehrere Vorteile

Der erste: „Es ist einfach und niedrigschwellig.“ Es sei praktisch, einen Tennispartner oder einen Saxophonisten für die Band per Internet zu suchen. Nebenan.de senke die Hürde, auf Fremde zuzugehen. Besonders wenn man sie um Hilfe bittet, zum Beispiel bei der Reparatur der Badezimmerlampe. Vor allem Menschen, denen es schwerfällt, fremde Leute anzusprechen, profitieren.

Der zweite: „Die Plattform bewahrt vor unangenehmen Situationen“, sagt Vollmann. Er gibt das Beispiel einer Bohrmaschine, die man vom Nachbarn leihen möchte. Bevor man überhaupt bei ihm klingele, beginne das Kopfkino: Stört man beim Abendessen? Schlafen die Kinder schon? Vielleicht versage man sich die Bitte am Ende – auch aus Angst vor einem Nein. Der Fall ist schließlich nicht unwahrscheinlich, dass der Nachbar eine Bohrmaschine hat und diese nicht gern abgibt. Eine Frage bei nebenan.de wird nur von denen aufgegriffen, die die Bohrmaschine gern verleihen.

Der dritte: „Die Plattform erhöht die Wahrscheinlichkeit, das zu finden, was ich suche.“ Zum Nachbarschaftstreff kommen fünf bis 20 Leute. Und was, wenn der Saxophonist nicht dabei ist? Auf nebenan.de erreichen Nutzer mit angrenzenden Nachbarschaften mehrere Tausend Menschen. Da steigen die Chancen, den Wunschmusiker zu finden.

Ein Viertel aller Nutzer kommt aus Berlin

Die Idee verfängt. Deutschlandweit hat nebenan.de mehr als eine Million Nutzer, in Berlin, wo die Plattform gestartet ist, sind es rund 140.000, in Brandenburg etwa 15.400. Nach Frankreich, Italien und Spanien ist nebenan.de schon expandiert.

Noch ist die Plattform kostenlos und werbefrei. Wer hier etwas sucht, kann unbehelligt von Cookies surfen. Seit kurzem wirbt das Portal um Fördermitgliedschaften, um Geld zu generieren. Es ist der erste Schritt zur Wirtschaftlichkeit. Bisher finanziert sich die Webseite aus eigenem Geld von Vollmann und dem von Investoren. Unter anderem ist der Burda Verlag beteiligt.

In Zukunft soll lokales Gewerbe gegen Gebühren eingebunden werden und auch kommunale Behörden. „Ich sehe nebenan.de als digitale öffentliche Infrastruktur“, sagt Vollmann. Stadtverwaltungen hätten viel Kommunikationsbedarf mit den Bürgern. Hier vermutet der gelernte Betriebswirt Potenzial.

Vernetzung für alle Bezirke

Die nebenan.de-Nutzerin Irina Szarvasy aus Hönow bei Berlin kann das bestätigen. Sie gründete mithilfe der Plattform in ihrer Nachbarschaft einen Stammtisch, um mehr Menschen in ihrer Siedlung kennenzulernen. Eigentlich ging es darum, zu plaudern und einen schönen Abend beim lokalen Griechen zu verleben. Doch Bauvorhaben der Gemeinde spielten bei den Treffen immer wieder eine Rolle.

Die Bewohner wollten sich zum Beispiel über den neuen Schulbau informieren und luden schließlich sogar Bürgermeister und Ortsvorsteher zum Stammtisch ein. Der Kreis, der sich alle zwei Wochen trifft, wuchs zusammen und entwickelte sich zu einer informellen Bürgervertretung. Ein Gemeinderat ist inzwischen fest dabei.

Irina Szarvasy wurde kürzlich gefragt, ob sie nicht selbst für den Gemeinderat kandidieren will. Im Moment kann sie sich das noch nicht vorstellen, aber wer weiß. „Im Bauausschuss bin ich jetzt erst mal als sogenannte sachkundige Anwohnerin“, sagt sie fröhlich. Mechthild Henneke

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