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Statistisch gesehen verbringt der Mensch mehr Zeit auf Arbeit als aktiv bei seiner Familie. Da sollte der Job also nicht nur das nötige Kleingeld bringen, sondern auch Spaß machen, inspirieren und Gelegenheiten bieten, mehr daraus zu machen, Karriereleitern zu erklimmen, Sinn stiften – und sich gleichzeitig gut mit allen anderen wichtigen Dingen im Leben vereinbaren lassen. Wer wo die Balance in Brandenburg gut schafft, welche Herausforderungen dafür zu meistern sind, das lesen Sie hier.

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Wie ein Belgisches Unternehmerpaar eine Schokoladenmanufaktur aufbaut

Goedele Matthyssen in der Potsdamer Filiale der Confiserie Felicitas. Fotograf: Friedrich Bungert

Goedele Matthyssen streift sich dünne weiße Stoffhandschuhe über, um die jüngste Kreation vorsichtig zu präsentieren: ein Ampelmännchen aus Schokolade. Eine Lizenzarbeit für die Berliner Kultmarke, die jetzt auf den Markt kommt. Handgemacht. Für die Handarbeit gebe es ein sicheres Indiz, sagt die Geschäftsführerin der Schokoladenmanufaktur Felicitas aus Hornow in der Lausitz. Matthyssen dreht das Ampelmännchen auf den Kopf. „Industriell gefertigte Hohlkörper sind unten geschlossen“, erläutert sie. „Unsere aber haben ein Loch.“

Mit Leidenschaft beschreibt die gebürtige Belgierin, wie die Schoko-Körper in ihrer Manufaktur entstehen. Jeweils zwei extra angefertigte Formen aus Hartplastik werden gebraucht. Für jede Körperhälfte eine. Zuerst werden die Verzierungen – zum Beispiel aus weißer Schokolade – in die Formen getupft. Dann werden die Hälften zusammengefügt, von unten wird Schokolade eingefüllt und per Hand gerüttelt. „Das ist die erste Schicht“, sagt Matthyssen. „Wir machen noch eine zweite Lage.“ Das gebe Stabilität und bringe beim Essen den „Knackeffekt“. Schokolade ist eben Genuss.

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Chocolatière sucht neue Heimat

Dass der Ampelmännchen-Auftrag an die Confiserie Felicitas GmbH gegangen ist, sieht die Unternehmerin als großen Erfolg. Gemeinsam mit ihrem Mann Peter Bienstman hat Goedele Matthyssen eine Schokoladenmanufaktur in der Lausitz aufgebaut. Aus dem Nichts.

Von Haus aus sind Bienstman und Matthyssen Ingenieur und Krankenschwester. Die beiden Belgier arbeiteten fünf Jahre lang bis Anfang der 90er als Entwicklungshelfer in Nigeria. Dann wollten sie etwas Neues starten: exquisite Schokolade herstellen. In Brandenburg. Die Wahl fiel auf Hornow in der Nähe von Spremberg. D

ie wunderschöne Natur hatte es dem Unternehmerpaar in spe angetan. In der Küche einer ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft LPG sollte die Produktion starten. Goedele Matthyssen hatte sich inzwischen in ihrer belgischen Heimat zur Chocolatière ausbilden lassen. Alles war vorbereitet. Doch die Banken hielten sich bei den Krediten zurück. „Ein Banker sagte zur mir: Frau Matthyssen, handgemachte Schokolade – das funktioniert hier nicht“, erinnert sich die Belgierin. Für den Banker war klar, dass die meisten Leute ihr Geld erst einmal für ihr Haus, ein Auto oder für Reisen ausgeben. Er sollte Recht behalten. Den Neu-Brandenburgern aus Belgien standen harte Jahre bevor.

Exklusive Süßigkeiten in Hunderten Fachgeschäften

1992 gründeten Bienstman und Matthyssen ihr Unternehmen. Privatleute unterstützten sie. Einen Kredit bekamen sie für ein kleines Café in Cottbus. Matthyssen: „Zu jeder Tasse Kaffee gaben wir eine Praline, um für unsere Produkte zu werben.“ Ihr Mann betrieb das Café. Sie produzierte Pralinen in Hornow. Aber es dauerte sieben Jahre, bis sich endlich Erfolg einstellte. Mundpropaganda hatte dafür gesorgt, dass die Brandenburger aus den umliegenden Dörfern nach Hornow kamen, um sich etwas Süßes zu gönnen.

Heute hat die Confiserie Felicitas 75 Beschäftigte. Die handgemachte Schokolade wird in rund 300 Fachgeschäften verkauft. Außerdem hat das Unternehmen drei eigene Filialen – zwei in Dresden und eine in Potsdam. In der brandenburgischen Landeshauptstadt werden die exklusiven Süßigkeiten in Bioqualität angeboten. Und dann ist da ja noch der Stammsitz der Firma in Hornow. Ursprünglich wurde hier auf 35 Quadratmetern produziert. Jetzt breitet sich die Produktion auf rund 750 Quadratmetern aus. Im Schokoladenland können sich Gäste selbst einmal als Chocolatier ausprobieren. Oder einfach im Café die Hornower Leckereien probieren. Der Ortsteil der Stadt Spremberg ist mittlerweile zu einem attraktiven Ausflugsziel geworden. Reisegruppen machen hier Station. Demnächst soll es auch eine „Schule in der Scheune“ geben, die über Genuss und gesunde Ernährung informiert.

Idealisten, die sich Kunden und Freunden verschrieben haben

Pro Jahr werden bei Felicitas rund 100 Tonnen Rohschokolade verarbeitet. Hinzu kommt noch einmal dieselbe Menge an Zutaten wie Likör oder Marzipan. Für Goedele Matthyssen, die 2005 als Brandenburgs Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet wurde, ist das „das Wunder von Hornow“. Im Nachhinein wundert sich die heute 50-jährige Matthyssen, dass sie durchgehalten haben und an ihren Schokoladen-Traum geglaubt haben. „Das mag wohl daran gelegen haben, dass wir frisch aus Afrika zurückkamen und dass wir ganz liebe Nachbarn hatten“, sagt sie. Das Leben sei spartanisch gewesen. „Aber wir waren glücklich.“

Sie und ihr Mann sind seit einiger Zeit Botschafter der Stiftung „Hilfe für Familien in Not“ des Landes Brandenburg – auch deswegen, weil sie selbst in den 90er Jahren erfahren haben, wie wichtig Unterstützung von Freunden und Nachbarn ist. Matthyssen beschreibt ihren Mann und sich selbst als „Idealisten, die nie dem großen Geld hinterhergerannt sind“. Das sei vielleicht auch der Grund für den jetzigen Erfolg, „weil die Kunden spüren, dass wir Menschen glücklich machen wollen“.

Gerade erst hat die Familie eine neue Filiale in der Frauenstraße in Dresden eröffnet. In diesem Gebäude hat einmal ein Goldschmied gearbeitet, der mit seinen Kreationen August den Starken belieferte, wie Goedele Matthyssen erzählt. Diese jüngste Felicitas-Filiale leitet übrigens die Tochter des belgischen Unternehmerpaars.

Die 21-jährige Marie hat eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel gemacht und hat auch das Handwerk einer Chocolatière erlernt. Sie möchte später einmal den elterlichen Betrieb in Hornow übernehmen. Nach Möglichkeit gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Johannes. „Der ist erst 14“, berichtet die stolze Mutter. Aber die Geschwister sind sich wohl schon einig. Druck von den Eltern gebe es nicht, betont Matthyssen. Denn eines ist wichtig – beim Geschäft und in der Schokoladenproduktion: „Sie müssen es mit dem Herzen machen.“ Ute Sommer

Christoph Miethke sorgt in der Medizintechnik für Furore

Christoph Miethke. Foto: Friedrich Bungert

Als junger Mensch habe er darüber nachgedacht, Sozialarbeiter zu werden, erzählt Christoph Miethke. Wenn sich der heute 58-Jährige mit Menschen unterhält, die ihre Berufung noch suchen, empfiehlt er: „Werde doch Unternehmer. Dann kannst du sozialverträglich Gutes tun mit dem verdienten Geld.“ Genau das ist der Weg, den Miethke eingeschlagen hat.

Der gebürtige Krefelder hat 1992 in Berlin ein Medizintechnik-Unternehmen gegründet. Mittlerweile ist die Firma nach Potsdam gezogen, bespielt hier zwei Standorte und ist deutschlandweit die Nummer 1 bei der Produktion von Implantaten, mit denen der Hydrozephalus – im Volksmund Wasserkopf genannt – behandelt werden kann. Auf dem Weltmarkt ist die Christoph Miethke GmbH & Co. KG mit ihrem Nischenprodukt unter den Top 3 der Branche.

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Hilfe und Demut

Bei Menschen, die unter einem Wasserkopf leiden, kann das Hirnwasser nicht richtig abfließen. Für die Therapie wird so etwas wie ein Abflusssystem implantiert. Es leitet das überschüssige Wasser aus dem Kopf in den Bauchraum ab. Reguliert wird dieses System über Ventile. Sie reagieren auf die unterschiedlichen Druckverhältnisse im Körper, die immer dann entstehen, wenn der Patient zum Beispiel von einer liegenden in eine stehende Position wechselt.

Rund 30 000 Implantate werden im Potsdamer Unternehmen in jedem Jahr hergestellt. Sie gehen an Kunden in mehr als 50 Staaten der Welt. Die implantierten Ventile können auch von außen justiert werden. Mitunter geht dafür sogar der Chef persönlich auf große Reise. Beim Umgang mit der Krankheit Hydrozephalus und mit den betroffenen Patienten lerne man, demütig zu werden, sagt der studierte Medizintechniker.

170 Beschäftigte hat Christoph Miethke in seinem Unternehmen. Zum Start vor 26 Jahren waren es gerade mal vier. Die Potsdamer Firma hat sich einen Namen als familienfreundlicher Betrieb gemacht. Mal schnell von der Arbeit in die Kita fahren, wenn etwas mit den Kindern ist. Elternzeit für Mütter oder auch Väter genehmigen. Das ist hier nichts Außergewöhnliches. Der Firmenchef gibt viele Freiheiten und weiß, dass er dafür motivierte Mitarbeiter bekommt. Er erinnert sich noch an ein plötzliches Auftragshoch vor drei, vier Jahren. Damals haben alle mitgezogen und die Aufträge in Sonderschichten abgearbeitet. Die Umsätze der Christoph Miethke GmbH & Co. KG wachsen Jahr für Jahr um zweistellige Prozentwerte. Für dieses Jahr rechnet der Firmenchef mit einem Umsatz von etwa 17,5 Millionen Euro.

Neue Möglichkeiten für Ärzte, Patienten und Unternehmen

„Unternehmen haben die Chance, sich gesellschaftlich einzubringen“, sagt Miethke. Er nutzt diese Chance. Der Unternehmer engagiert sich stark als Ehrenamtler. Er ist beispielsweise Vorsitzender des Vereins „Neues Potsdamer Toleranzedikt“, der sich für eine weltoffene Landeshauptstadt einsetzt. Dieser Verein betreibt wiederum das gemeinnützige Projekt HelpTo. Das ist ein Online-Portal, das Hilfen für Flüchtlinge und Bedürftige vermittelt und koordiniert.

„Mensch zu sein, Brücken zu schlagen, um Authentizität zu zeigen – darauf kommt es doch an im Leben“, sagt der Unternehmer. Für ihn ist es einfach nur schön, wenn das Leben die Möglichkeiten für Begegnungen eröffnet: mit Ärzten, Patienten, mit Bankern, Vertriebspartnern. „Jeder Mensch unternimmt sein Leben und hat dabei relativ viele Gestaltungsmöglichkeiten“, betont Christoph Miethke. Ute Sommer

Mehrfach ausgezeichnete Spezialisten in der Denkmalpflege

Dirk Spatzier mit einem Rundbogenfenster / Quelle: Ulrich Nettelstroth

Ganz vorsichtig fasst Tischlermeister Dirk Spatzier die Türen aus dem Pantheon im Wörlitzer Schlosspark an. Die historischen Glasscheiben sind nur wenige Millimeter dick und könnten allzu leicht brechen. Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz (Sachsen-Anhalt) ist einer der besten Kunden der Tischlerei in Verlorenwasser im Hohen Fläming. Das Elbe-Hochwasser 2013 hatte schwere Schäden am Wörlitzer Pantheon hinterlassen. Nach der Restaurierung wird davon nichts mehr zu sehen sein. Nur die Finanzierung setze Grenzen für die Rekonstruktion, sagt Dirk Spatzier. „Geht nicht, gibt es nicht“, betont er.

Die Tischlerei Spatzier ist immer wieder ausgezeichnet worden für ihre Arbeit, unter anderem mit dem Zukunftspreis Brandenburg, dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg und gleich mehrfach mit dem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege. Seniorchef Kurt Spatzier leitet am alten Stammhaus in Wiesenburg, wo der Familienbetrieb 1894 von seinem Urgroßvater gegründet wurde, die Ausbildungswerkstatt.

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Ein Familienbetrieb für bedeutsame Aufträge

Die beiden Söhne Dirk und Jörg teilen sich die Unternehmensleitung. Der 48-jährige Dirk Spatzier ist in den Vorstand des Landesinnungsverbands der Tischler gewählt worden, Jörg Spatzier (43) ist gerade im Masterstudiengang „Schutz europäischer Kulturgüter“ an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder mit seiner Abschlussarbeit über „Mittelalterliche Holzbohlentüren im Raum Brandenburg“ befasst. Bis zu 800 Jahre alt sind die Türen, die er dafür untersucht.

Buchstäblich schwergewichtige Türen hatte die Tischlerei im Fläming gerade erst in der Werkstatt. Das Portal des Doms Sankt Peter und Paul zu Brandenburg an der Havel, das aus der Zeit der Umbauarbeiten unter Karl Friedrich Schinkel stammte, wurde restauriert. Da kam es den Handwerkern zugute, dass der Betrieb kürzlich in neue Hebetechnik investiert hat. Damit lassen sich auch so schwere Objekte wie das Domportal bewegen, ohne die Gesundheit der Beschäftigten zu gefährden. Weitere Aufträge der letzten Zeit betrafen beispielsweise das Palais Populaire in Berlin, das ehemalige Opernpalais in der Straße Unter den Linden, das Karl-Förster-Haus in Potsdam oder Schloss Reckahn.

Moderne Arbeit und traditionelles Handwerk

In der Werkstatt wird aber keinesfalls nur an Jahrhunderte alten Objekten gefeilt und geschliffen. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Neuanfertigung von Fenstern und Türen für alte und denkmalgeschützte Objekte. Und dabei gibt moderne Technik den Takt. Eine computergesteuerte CNC-Fräse unterstützt bei der Fertigung von Teilen für Fenster und Türen. Gefragt sind beispielsweise Fenster, die sowohl beim Brandschutz als auch beim Schallschutz hohe Anforderungen erfüllen und bei der Einbruchshemmung der Widerstandsklasse RC3 entsprechen.

Das bedeutet, dass ein Einbrecher auch mit größeren Werkzeugen wie einem Kuhfuß mindestens fünf Minuten braucht, um sich Zutritt zu verschaffen. Die Tischlerei Spatzier baut solche Fenster in denkmalgerechter Form. Sie entsprechen äußerlich den Vorbildern, die bei der Errichtung der historischen Gebäude eingebaut worden waren. Auftraggeber sind in der Regel Privatleute, die bei der Sanierung entweder Vorgaben des Denkmalschutzes erfüllen müssen oder aus eigenem Antrieb den optischen Eindruck des Gebäudes erhalten wollen. Auch elektronisch gesteuerte Schlösser und Alarmmeldetechnik bauen die Tischler ein.

Ihre Kunden haben sie vor allem in Berlin, Brandenburg und den Nachbarländern. In einer Ecke der Werkstatt aber wartet auch eine Partie Fenster für einen Auftraggeber in Schleswig-Holstein auf die Abholung. Der war durch die Empfehlung eines in Brandenburg lebenden Bekannten auf die Firma Spatzier aufmerksam geworden. Solche Neukunden durch persönliche Empfehlung gibt es immer wieder, denn viele Tischlereien sind es nicht, die für Arbeiten im Denkmalschutz die nötigen Fähigkeiten mitbringen.

Um den Qualitätsstandard zu halten, legt die Tischlerei Spatzier großen Wert auf die Ausbildung. Fünf Lehrlinge sind derzeit im Unternehmen sowie zwei Praktikanten, von denen einer ein Fachabitur macht, der andere ein Freiwilliges Soziales Jahr im Denkmalschutz absolviert. Unter den 19 Festangestellten sind fünf Meister, davon zwei mit der Qualifikation als Restauratoren im Handwerk. Ohne Fachwissen geht es schließlich nicht, gerade beim Umgang mit Baudenkmälern. Ulrich Nettelstroth

Wagnis am Steilufer des Großräschener Sees

Das Winzerpaar Cornelia und Andreas Wobar auf dem steilsten Weinhang Brandenburgs am Großräschener See, auf dem pilzwiderstandsfähige Reben beste Trauben tragen. ⇥Foto: Steffen Rasche

Großräschen Von der Sonne besonders verwöhnt reifen am Steilufer des Großräschener Sees, einem ausgekohlten Lausitzer Tagebau zwischen Berlin und Dresden, die Trauben für neue Brandenburger Weine. Der promovierte Agrar-Ingenieur Andreas Wobar (59) hat hier vor nunmehr sechs Jahren auf einem Hektar gewachsenem Land in der rekultivierten Bergbaufolgelandschaft 5000 neue Weinstöcke gepflanzt. Der Großräschener Weinberg hat eine Neigung von 30 bis 33 Prozent und ist damit Brandenburgs einziger Südhang in Steillage.

Eine verlassene Region

Die Idee vom Aufreben des Tagebaurandes stammt vom Bürgermeister der Stadt Großräschen, der mit seiner Ratsrunde auch nach dem Ende der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst Pückler-Land neue Zukunftspläne für die Region geschmiedet hat. Die IBA-Macher hatten in den Jahren 2000 bis 2010 den ersten Strukturwandel nach dem großflächigen Braunkohleabbau im die Landesgrenze Brandenburgs und Sachsens übergreifenden Senftenberger Revier initiiert. Und Andreas Wobar wagte sich mit Ehefrau Cornelia, die als Wirtschaftswissenschaftlerin vor allem für die Vermarktung und den Vertrieb der edlen Tropfen der Marke „WeinWobar vom Großräschener See“ verantwortlich zeichnet, hier an die neuesten Früchte der Götter – pilzwiderstandsfähige Traubensorten (Piwis).

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Erst 1999 hatte der letzte Kohlezug den ehemaligen Tagebau Meuro verlassen. Ein riesiger Krater blieb am amputierten Ende der Kleinstadt Großräschen zurück. Der schönste Teil des Ortes, das beschauliche Bückgen, war erst kurz vor der Wende dem Energiehunger geopfert worden. Heimatverlust und Staub, Häuserruinen und Tristesse zeichneten das Bild.

Eine neue Landschaft erblüht

Trotzdem entschloss sich Familie Wobar, die sicheren Jobs in Halle/Saale aufzugeben und mit zwei Kindern in die Lausitz zu ziehen. Der Diplom-Agraringenieur gründete seinen Landwirtschaftsbetrieb. Sie machte sich als Wirtschaftsförderin im Rathaus ans Werk. Auch Menschen, die diesen Schritt damals mit einem deutlichen Fingerzeig in Richtung der eigenen Denkerstirn stumm kommentierten, belehrt der sichtliche Erfolg längst eines Besseren: Heute liegt ein neuer, eigentlich nie vorgesehener See in der Landschaft.

In der einmaligen  künstlich geschaffenen Bucht mit hohen grünen Böschungen ist der mediterrane Großräschener Stadthafen entstanden. Und ein moderner neuer Stadtteil wächst neben den wenigen altehrwürdigen Klinkervillen von

Bückgen, die liebevoll saniert sind. Großräschen erzählt eine Erfolgsgeschichte des ersten Strukturwandels der Lausitz, die auf Basis der Braunkohlesanierung ein neues Gesicht und vor allem eine Perspektive nach dem Bergbau bekommen hat. Das gibt auch neue Hoffnung: Denn der nächste Umbruch steht der Lausitz mit dem Komplettausstieg Deutschlands aus der Braunkohleverstromung für den Klimaschutz jetzt bevor.

Ein neues Gefühl von Heimat

Nach Großräschen ist nach einem dramatischen Strukturbruch mit großen Arbeitsplatzverlusten und einer gewaltigen Abwanderungswelle der verlorene Stolz mit den neuen Perspektiven zurückgekehrt. Hier ist wieder neue Lebensfreude eingezogen – auch mit dem Wein, der prächtig gedeiht. „Das haben wir mit beeinflusst. Das ist Lebensqualität. Hier ist für uns Heimat“, sagt Cornelia Wobar.

Die Winzer setzen ausschließlich auf neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis). Das ist in den hiesigen Breiten, in denen die Genießer eines guten heimischen Tropfens eher auf traditionelle Trauben mit altbekannten Namen schwören, absolutes Neuland. Die jungen Piwi-Weine müssen dem deutschen Kunden daher noch schmackhaft gemacht werden. International indes erobern diese Traubensorten den Markt bereits rasant.

Weniger Chemie wird benötigt

Eine besonders nachhaltige Weinkultur wächst in Ostdeutschland heran. „Durch die hohe Widerstandsfähigkeit der Rebstöcke gegen Weinschädlinge sparen wir gegenüber den traditionellen alten Rebsorten bis zu 70 Prozent der sonst notwendigen Pflanzenschutzmittel“, erklärt Andreas Wobar. Beim Klimaschutz punktet die Bewirtschaftung der neuen Sorten, von denen am Großräschener See der weiße Solaris, Johanniter und Cabernet blanc sowie der rote Pinotin wachsen, zudem mit geringerem Kohlendioxid-Ausstoß.

Und der jüngste Zwerg unter den deutschen Weinanbau-Gebieten drängt schon an die Piwi-Spitze. Der Großräschener Wein ist von höchster Qualität – von Experten gelobt und teilweise bereits preisgekrönt. In diesem Jahr hat der im Eichenholzfass gereifte Rotwein, der Pinotin barrique, im Wettbewerb um den Internationalen Piwi-Weinpreis den Silberrang belegt. Dieser gute Tropfen wird vor allem zu Rindfleisch-, Wild- und Gänsebraten empfohlen und gilt auch als hervorragender Begleiter von würzigem Käse.

Qualität, die überzeugt

„Die Inhaltsstoffe unserer Weine stehen denen der etablierten Weinanbauregionen in nichts nach“, erzählt Winzer Andreas Wobar sichtlich stolz. Das haben in diesem Jahr auch Experten des in Zürich erscheinenden europäischen Weinmagazins „Vinum“ bestätigt. Bereits der zweite Jahrgang des rubinroten Pinotins hat die Gaumen der ausgewiesenen Gourmets hier voll überzeugt. Die Rebe ist 1991 aus dem Blauen Spätburgunder und Resistenzpartnern vom Schweizer Züchter Valentin Blattner gekreuzt und 2010 klassifiziert worden.

Die trockene Wärme des jüngsten Sommers verheißt einen ausgesprochen guten neuen Jahrgang. „Die in den Beerenschalen eingelagerten Aromen und Farbstoffe konnten sich in diesem trockenen Sommer durch die intensive Sonneneinstrahlung besonders gut entfalten“, erklärt Winzerfrau Cornelia Wobar. „Deshalb haben wir in diesem Jahr für den 18er  Rotwein-Jahrgang wieder Barrique-Fässer aus französischer Eiche geordert.

Bestnoten erhält auch der Großräschener Sekt mit angenehmer Fruchtigkeit und langanhaltender Perlage. „So elegant, so viel Finesse – die Verkoster staunten nicht schlecht über diesen Sekt aus Flaschengärung“, bescheinigt Vinum-Expertin Alice Gundlach dem Winzerpaar „aus dem wilden Osten im Piwi-Wunderland“.

Der Weinberg lädt ein

JACques heißt die Krönung der WeinWobar-Kollektion. Der erste Winzersekt „Brut nature“ aus der Rebsorte Johanniter, der zwei Jahre auf der Hefe in der Flasche gärt, trägt den Namen von Jacques du Preez, dem Kellermeister des renommierten sächsischen Weingutes Schloss Proschwitz Prinz zur Lippe. Und der ist ein mit Bedacht ausgewählter Glücksgriff des Großräschener Winzerpaares.

Der Südafrikaner ist ein Experte vor allem auch für Rotweine. Und deutschen Rotweinen begegnet die Welt traditionell eher skeptisch. Denn die Lagen sind hierzulande schwierig, die Farbe der althergebrachten Trauben daher meist blass – zudem wird der Wein selten trocken ausgebaut. Vom tollen Geschmack der Weine aus Neuzüchtungen kann man sich direkt am Großräschener See überzeugen. Die Winzerfamilie führt Neugierige gern auf den Weinberg und verführt auch regelmäßig zur Weinprobe. Kathleen Weser

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