Besser leben in Brandenburg

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Schon Wilhelm Busch wusste es genau. „Darum lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Und zwar das ganze Leben lang, denn Bildung fängt ganz früh an, geht in der Schule weiter, zieht sich durchs ganze Leben und hört dank Volkshochschule und Co. auch im Alter nie auf. Das wissen auch die Brandenburg – lesen Sie hier inspirierende Geschichten übers Lernen, Forschen und Entdecken.

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In Eberswalde entsteht eine Konkurrenz für Kunststoff

Der Stoff der Zukunft: Malte Larsen und Nicolas Hess (Glatze) mit zwei verschiedenen Pilzsubstratverbindungen, die sie in Marmeladengläsern hergestellt haben und die sich im Grunde anfühlen wie Styropor. Foto: PR

Für seine Forschungen zu Pilzen als Plastikersatz hat das biolab in Eberswalde anfang des Jahres den Galileo-Wissenspreis erhalten. Nun wollen sich Malte Larsen (31) und sein Team den Gewächsen wieder stärker in ihrer Eigenschaft als Nahrungsmittel widmen und Steakfreunden eine vegetarische Alternative bieten.

In der Havellandstraße 15 von Eberswalde hatte vor zwei Jahren alles begonnen. Dem ersten Augenschein nach alles andere als ein moderner Wissenschaftsstandort. Das Gebäude, in dem unter anderem eine Kleiderkammer, eine Sozialberatung, Vereine und eine Nähgruppe Platz finden, liegt im Brandenburgischen Viertel. Das Neubaugebiet mit den tristen Blöcken gilt als sozialer Brennpunkt der 40 000-Einwohner-Stadt nördlich von Berlin.

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Auch der Verein Hebewerk sitzt im etwas flacheren Block in der Havellandstraße. Er bietet Räumlichkeiten für Menschen mit Ideen. Menschen, wie Malte Larsen, Bachelor für International Forest Ecosystem Management. Mit Waldbewohnern hatte auch das zu tun, was er in den Räumen des Vereins vorhatte. „Die vom Hebewerk haben mich einfach machen lassen. Das ist genau das, was ich brauche“, sagt Larsen. Er richtete sein Labor ein, begann zu experimentieren und machte alle Fehler, die man machen kann. Denn wer mit Pilzen unsauber arbeitet, erntet schnell Schimmel.

Ein Pilz als biologische Alternative

Ende 2017 stieß Nicolas Hess (50), Master für Forest IT, dazu. Er hatte eigentlich Räume gesucht, um Schokolade herzustellen, begeisterte sich dann aber für Larsens Forschung. „Pilzliebe auf den ersten Blick“, sagt Hess. Zusammen kombinierten sie verschiedene Substrate mit Pilzen. Die Idee: Ein ökologisches Material, das Kunststoff Konkurrenz machen kann. Der Pilz durchwächst das Substrat, zum Beispiel Hanf oder Holzspäne, und bildet ein Geflecht, das alles zusammenhält. Er ist der Klebstoff.

Das Gute: das Material ist kompostierbar. Die Energie, die bei der Herstellung aufgewendet werden muss, ist gering – weil der Pilz von allein wächst. Das ist ein Vorteil gegenüber Materialen aus Stärke, die zwar ebenfalls biologisch abbaubar sind, aber in der Produktion eine Reihe chemisch, technischer Vorgänge voraussetzen. Der Nachteil: es dauert ein paar Tage bis der Pilz alles durchwächst.

Seine ersten Prototypen hat das biolab, das durch Alexander Stange als Dritten im Bunde komplettiert wird, in Marmeladengläsern gezüchtet. Auch die grüne Hochschule der Stadt wurde hellhörig und lud die Forscher ein, in ihren Laboren weiterzumachen. Ein Unterfangen, das zunächst scheiterte. Larsen und sein Team sind Freunde freier Forschung.

Ein Patent aus den USA als Problem

Sie wollen etwas herstellen, das schnell Anwendung findet und die Welt auf unkompliziertem Weg nachhaltiger macht. Dafür möchten sie mit einem großen Netzwerk zusammenarbeiten. „Unser Projekt lebt vom Austausch“, sagt Larsen. An der Hochschule waren die Hürden zu hoch. Nur er allein sollte Zugang zu den Laboren erhalten – nicht aber sein Team. Das war letztlich der Grund für die Suche nach einem neuen Standort.

Zurück in ihre alten Räume wollten die Forscher nicht. Sie brauchen Platz. Und es gibt ein patentrechtliches Problem. Das US-Unternehmen Ecovative hat sich die Herstellung von Pilzsubstratverbindungen patentieren lassen. „Die haben das nicht erfunden“, stellt Larsen klar. Solche Verbindungen würden bei der Pilzzucht seit jeher entstehen. Auf Muskelspielchen mit dem Unternehmen, das in Europa immer aktiver wird, wollen sich die Eberswalder aber nicht einlassen. Quintessenz: das biolab forscht zwar weiter am Kunststoffersatz, konzentriert sich aber stärker auf die Speisepilzzucht. Schließlich muss bei aller Wissenschaft auch Geld reinkommen.

Ihre Rosen- und Limonenseitlinge sowie Igelstachelbart konnte das Team regionalen Händlern bereits schmackhaft machen. Doch Pilze als Beilage reichen ihnen nicht. „Wir arbeiten an einer Fleischalternative“, sagt Larsen. Wichtig sei, dass die Konsistenz stimmt. Der Nährwert ist bei Pilzprodukten ohnehin überzeugend und der Geschmack letztlich nur eine Frage der richtigen Marinade. „Bisher haben wir da sehr positives Feedback bekommen“, berichtet Nicolas Hess.

Klimafreundlich und profitabel

Der Vorteil gegenüber Tofu: die Fleischalternative enthält nicht den Klimakiller Soja, der aus Übersee importiert werden muss. Pilze wachsen in der Region – auch in Indoor-Farmen, die bestimmte Bedingungen erfüllen, ohne großen technischen Aufwand. Das hält Transportwege kurz und ist letztlich nachhaltiger. Eine Produktionsfläche von 200 bis 300 Quadratmetern schwebt den Wissenschaftlern vor.

Damit wollen sie nicht nur ein Stück der Welt retten, sondern irgendwann auch ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren. Den verdient Larsen derzeit mit einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule. Hess ist freiberuflich im Bereich Informationstechnik tätig, will sich aber immer stärker auf die Pilzzucht konzentrieren. Im Raum Eberswalde will das Team gern bleiben. Dort seien sie nah an ihren Netzwerken.

Ein besonderer Pilz als Vorbil

Und wie halten es die Forscher mit Pilzen auf dem eigenen Speiseplan?  „Ich habe in den letzten Jahren tatsächlich so viele Pilze gefuttert wie noch nie in meinem Leben“, sagt Larsen. Letztlich müssen die Rezepte einfach nur variieren. „Dann kann ich jeden Tag Pilze essen“, sagt Nicolas Hess. Gesund sei die Mahlzeit allemal. Dass Pilze einen hohen Eiweißgehalt haben, ist bekannt. Und auch die heilsame Wirkung wollen Larsen und Hess nicht außer Acht wissen. So seien die Gewächse angeblich hervorragende Vitamin-D-Speicher.

Und noch auf einen weiteren Superlativ weisen die Forscher hin. Das größte bekannte Lebewesen der Welt ist ein Pilz. Eine kurze Recherche im Internet bestätigt das. Der Riesenhallimasch erstreckt sich über eine Größe von neun Quadratkilometern (1200 Fußballfelder) und lebt im Untergrund. Allerdings nicht in Eberswalde, sondern im National Forest des US-Bundestaates Oregon. Marco Marschall

Konditormeisterin Katja Grünler-Erchinger büffelt für den Betriebswirt

Katja Grünler / Foto: Friedrich Bungert

Wenn sich Katja Grünler-Erchinger etwas in den Kopf setzt, zieht sie es auch durch. Das hat die 33-Jährige schon mehrfach unter Beweis gestellt. Zwei erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildungen – zur Floristin und zur Konditorin – kann sie vorweisen. Mit gerade einmal 24 Lenzen übernahm sie 2009 als frischgebackene Konditormeisterin den Bäckereibetrieb ihres Vaters und gründete die Grünlers Backstuben GmbH.

In den drei Filialen des Unternehmens in Oranienburg und Borgsdorf gehen inzwischen die Backwaren, Kuchen und Torten weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Die Nachfrage ist so groß, dass die alte Borgsdorfer Backstube zwischenzeitlich an ihre Grenzen stieß. Deshalb entschied sich Katja Grünler, in eine neue Produktionsstätte in Oranienburg zu investieren – Grünlers Manufaktur. Seit der Fertigstellung im März werden hier alle Produkte in handwerklicher Tradition und trotzdem unter modernsten Bedingungen hergestellt.

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Handwerker lernen voneinander

Und so ganz nebenbei hat sich die Unternehmerin fast zeitgleich dazu entschlossen, eine Ausbildung zum „Geprüften Betriebswirt nach der Handwerksordnung“ zu beginnen. Alle 14 Tage drückt sie seitdem im Zentrum für Gewerbeförderung der Handwerkskammer in Götz freitags und sonnabends die Schulbank, büffelt Marketing und Unternehmensführung, Personalmanagement und Betriebswirtschaft. „Niemand verlangt von mir, dass ich diese Ausbildung mache. Aber sie gibt mir sehr viel Sicherheit für meine Arbeit“, begründet Katja Grünler ihr Engagement.

Als Unternehmerin trägt sie für 48 Mitarbeiter Verantwortung und die Anforderungen im täglichen Geschäftsleben werden immer vielfältiger. „Natürlich habe ich in den vergangenen neun Jahren viel getan, um fachlich am Ball zu bleiben“, erzählt die Geschäftsfrau. Doch die Ausbildung in Götz biete ihr viel mehr als nur neues Fachwissen. Hier lernen 21 Handwerksmeister miteinander und voneinander. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie in verschiedenen Gewerken tätig sind. Ob Elektriker oder Friseurin, Konditorin oder Installateur – bestimmte Fragen stellen sich in allen Handwerksbetrieben.

Zum Beispiel wie man gute Mitarbeiter findet und im Unternehmen hält. Oder wie man die Weiterbildung in der eigenen Firma am besten organisiert. Einen Teil des Gelernten stellt Katja Grünler gleich im eigenen Betrieb auf den Prüfstand. Als es vor einigen Wochen im Unterricht um Vertragsrecht ging, nahm sie – quasi als Hausaufgabe – verschiedene Verträge aus dem eigenen Unternehmen unter die Lupe.

Viele Projekte  sollen vorangetrieben werden

Fragen, die sich ihr dabei stellten, konnten im nächsten Seminar gleich mit den Dozenten und Mitschülern diskutiert werden. Besonders interessiert sich die Konditormeisterin für Fragen der Unternehmensstrategie. Wie stellt man die Weichen, damit das eigene Unternehmen auch in der Zukunft erfolgreich am Markt bestehen kann? „Mit der Investition in die neue Manufaktur in Oranienburg habe ich einen großen Schritt gewagt“, ist sich die junge Geschäftsfrau bewusst und weiß: Jetzt muss sie dranbleiben.

Als die neue Produktionsstätte im März in Betrieb ging, hat sich Katja Grünler durch die ersten Prüfungen in der Ausbildung zum Betriebswirt gekämpft. Jetzt im Oktober und dann im Januar 2019 stehen weitere Prüfungen an. Mit der Fertigstellung der Manufaktur ist für die 33-Jährige ein Traum in Erfüllung gegangen: „Es ist einfach perfekt geworden.“  Im Kopf der Unternehmerin spukt aber schon ein weiteres Projekt: „Die Filiale in Oranienburg möchte ich 2019 oder 2020 gerne umbauen lassen, ein Wintergarten soll entstehen und auch die Außenanlagen werden umgestaltet. Das wird viel Zeit kosten“, weiß sie schon jetzt. Zum Glück kann sie sich der Unterstützung durch die Familie sicher sein. Ehemann Jörg, der als selbstständiger Fleischermeister arbeitet, hält ihr genauso den Rücken frei wie ihre Eltern. „Ohne meine Familie würde ich das alles gar nicht schaffen.“

Junge Mediziner aus Brandenburg für Brandenburg

Auch für die Politik interessant: Die Landtagsabgeordnete Ursula Nonnenmacher (Grüne) besuchte 2017 die Studenten an der MHB Fontane in Neuruppin, um sich über die Medizinerausbildung zu informieren. Foto: Christian Schönberg

Brandenburgs Medizinernachwuchs kommt von der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) „Theodor Fontane“.  320 junge Leute – davon 187 Medizin und 134 Psychologie  – studieren aktuell dort. „Die Nachfrage beim Modellstudiengang Medizin überstieg von Anfang an sehr deutlich das Angebot“, so MHB-Sprecher Dr. Eric Hoffmann.

Zum Studienstart im Sommersemester 2015 bewarben sich rund 450, ein Jahr später etwa  550 und zum Sommersemester 2017 zirka 650 Studieninteressierte auf jeweils 48 Studienplätze. Die jungen Leute prägen seitdem auch das Straßenbild der Stadt Neuruppin, die mittlerweile an ihren Ortseingängen auch Schilder mit der Aufschrift „Universitätsstadt“ aufgestellt hat.

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Persönlichkeit statt Abinoten

Laut Hoffmann sind für die starke Nachfrage nach den Studienplätze mehrere Faktoren ausschlaggebend: „Zum einen setzen wir in unserem persönlichen Auswahlverfahren nicht auf einen abiturnotenbasierten Numerus Clausus, sondern mit Motivationsschreiben, multiplen Mini-Interviews oder einem Situational-Judgement-Test eher auf die persönlichen Kompetenzen eines Bewerbers.“

Zum anderen würden im Studium schon jetzt viele Punkte berücksichtigt, die  im Masterplan 2020 zur Reform des Medizinstudiums gefordert werden,  was ebenfalls zu einer erhöhten Nachfrage führe. Die sich im vergangenen Jahr auch für den Bachelorstudiengang Psychologie abzeichnende positive Entwicklung hat sich laut Hoffmann in diesem Jahr bestätigt: „Zwar liegen wir mit aktuell rund 110 Bewerbungen leicht unter den Zahlen des Vorjahres, aber auch hier scheint sich die Studierendennachfrage auf einem vergleichsweise hohen Niveau zu stabilisieren.“  Ein Großteil der Bewerber stammt  aus Brandenburg, aktuell gibt es aber auch Interessierte aus allen Teilen der Welt, unter anderem aus Kolumbien, Mexiko, den USA und Nigeria.

Krankenhäuser und Lehrpraxen kooperieren

Gegenüber anderen Hochschulen zeichnet die MHB laut Hoffmann aus, dass sie eine staatlich anerkannte, sozial-unternehmerische Hochschule ist, die  kommunal und gemeinnützig getragen wird. Die MHB stehe zudem für innovative Lehrkonzepte sowie für die Einheit von Forschung, Lehre und Patientenversorgung. Mit den Gründungs-Kliniken sowie aktuell landesweit mehr als 20 kooperierenden Krankenhäusern und rund 150 Lehrpraxen werde an einer Stelle wissenschaftsbasiertes und praxisorientiertes Know-how für das Studium einer neuen Generation von Medizinern und Psychologen gebündelt.

Ziel der MHB ist es, den Anforderungen an den späteren Beruf Rechnung zu tragen und eine moderne, praxisnahe sowie freiheitliche und ganzheitliche Ausbildung zu etablieren. Damit soll auch ein Beitrag  zur Lösung des Problems des Ärztemangels und zur bestmöglichen Patientenversorgung in ländlichen Regionen geleistet werden.  „In Brandenburg – und darüber hinaus“, so Hoffmann. Schon heute beteiligt sich die MHB, die einen Standort in Neuruppin und einen in Brandenburg/Havel hat, am Aufbau des Gesundheitscampus Brandenburg.

Über diesen werden  Forschungseinrichtungen im ganzen Land vernetzt. Der Schwerpunkt der Forschungen wird auf der Gesundheit im Alter und der entsprechenden medizinischen Versorgung liegen und damit  Themen aufgreifen, die Brandenburg vor dem Hintergrund der immer älter werdenden Bevölkerung unmittelbar betreffen.

Das Konzept trägt bereits erste Früchte

Schon im Leitbild der Hochschule steht  „Am Mute hängt der Erfolg“ – ein Zitat von Schriftsteller und Namensgeber Theodor Fontane (1819 bis 1898). Vor diesem  Hintergrund möchte die noch junge MHB eine Universität werden, die sich auch etwas zutraut: die in Lehre und Forschung mutig neue Wege geht, beherzt Neuland betritt und als Bildungspionier zur Lösung drängender gesellschaftlicher Fragen beiträgt.

Zudem möchte sie laut Hoffmann ihren Studenten Raum zur „Entfaltung von Talent und zur Entwicklung von Persönlichkeit“ geben.  Es solle nicht nur Freude machen zu studieren, sondern auch zu lehren, zu forschen und zu arbeiten.

sehr gute Abschneiden der Medizinstudierenden im Progress Test Medizin. Dabei  haben die MHB-Studenten  im Vergleich mit anderen Medizinischen Fakultäten bislang überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielt. „Das ist ein guter Indikator für die Qualität unserer Lehre“, betont Hoffmann.  Auch das Netzwerk der MHB ist in den vergangenen vier Jahren um weitere kooperierende Kliniken und Lehrpraxen stetig gewachsen. „Ohne deren Engagement und Mitwirkung wäre die MHB gar nicht denkbar“, so Hoffmann. Für neue Partner sei die Hochschule immer offen.

Die Bewerbungsfrist für die Studienangebote der Psychologie endet fürs Wintersemester 2018/19 am 30. September 2018. Die Bewerbungsfrist für den Brandenburger Modellstudiengang Medizin endet für das Sommersemester 2019 am 2. Oktober 2018. Weitere Informationen gibt es online unter www.mhb-fontane.de. Markus Kluge

Potsdamer Polarforscher leitet die größte Arktis-Expedition aller Zeiten

Ohne eigenen Antrieb wird die Polarstern rund sechs Monate durch das Eis getragen werden. Foto: AWI

Markus Rex weiß, was ihn schon vor mehr als 20 Jahren das erste Mal am Forschungsstandort Potsdam fesselte. „Es ist die Heimat der Atmosphärenforschung“, sagt der 51-Jährige. Das gilt nicht nur für seine eigene Wirkungsstätte – das Alfred-Wegener-Institut – und dessen Vorläufer auf dem Potsdamer Telegrafenberg, sondern auch für die anderen Forschungseinrichtungen auf dem geschichtsträchtigen, grünen Hügel wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung oder auch das Geoforschungszentrum (GFZ) und das IASS-Institut für Nachhaltigkeitsforschung im Umfeld. „Im Übrigen bin ich hier, wenn ich rauskomme, gleich im Wald – wo kann man das sonst schon haben?“, fragt der Leiter der Atmosphärenforschung am AWI.

Erfahrung im ewigen Eis

Dabei ist der gebürtige Braunschweiger, der seit Langem in Potsdam lebt, in seinem Wissenschaftlerleben schon viel herumgekommen. Der Physiker hat in den 1990er Jahren sogar für die Nasa gearbeitet.

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Gleichwohl kehrt Rex der brandenburgischen Landeshauptstadt oft den Rücken. Im Schnitt ein Drittel des Jahres ist er auf Forschungsexpeditionen. Im vergangenen Jahr etwa war der Potsdamer viele Wochen lang in Nepal, um von dort aus mit einem Spezialflugzeug die Geheimnisse des Monsun zu erkunden. Im kommenden September nun steht selbst für den erfahrenen Forschungsreisenden etwas bislang nie Dagewesenes an. Markus Rex wird an Bord des Forschungseisbrechers Polarstern sechs Monate lang eingefroren im Eis durch die zentrale Arktis über die Polkappe driften. Der AWI-Forscher leitet das „Mosaic“ genannte Projekt.

Eine ähnliche Expedition im kleineren Maßstab auf einem Segelschiff hat zwar der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen vor 125 Jahren schon einmal gewagt. Doch ein Vorhaben wie das jetzt geplante mit einem knapp 120 Meter langen und 17.300 Tonnen schweren Koloss, der – ausgerüstet mit modernsten wissenschaftlichen Instrumenten – in die Nähe des Nordpols gebracht werden soll, hat es noch nie gegeben. Und nicht nur das: „Eine Premiere ist auch, dass insgesamt 600 direkt beteiligte Forscher und andere Kollegen aus 17 Ländern und vier weitere Eisbrecher, Forschungsflugzeuge, Helikopter und Raupenfahrzeuge gemeinsam zu einer solchen Expedition aufbrechen“, sagt Rex.

Polkappen sind entscheidend für das Klima auf der Erde

Die aufwendige Polarmission ist nötig, um in der im Winter nahezu unerreichbaren Region dringend benötigte Daten für die Klimaforschung zu erheben. Die Informationen sollen der Menschheit neue Einblicke in die Austauschprozesse zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre erlauben. „Der Einfluss der arktischen Regionen auf unser Klima quasi in den gesamten nördlichen mittleren Breiten ist gewaltig und derzeit unzureichend verstanden“, erklärt Rex.

Die Arktis sei im Grunde ein Ozean mit einer relativ dünnen Eisschicht darüber, die die Wasseroberfläche etwa in den Sommermonaten in Zeiten der Erderwärmung manchmal noch nicht einmal mehr zu zwei Dritteln bedeckt. Zwischen dem mehr Energie aufnehmenden dunklen Wasser und der Sonnenstrahlung reflektierenden Eisschicht ergeben sich so enorme Dynamiken und Rückkopplungseffekte, die auf die Atmosphäre einwirken. Auch von der Temperatur her tun sich Gegensätze auf, die die oberen Luftschichten erheblich beeinflussen. Während das Wasser unter der Eisdecke teils schon bis um den Gefrierpunkt herum aufgewärmt ist, herrschen im Winter darüber oft strenge Fröste von bis zu minus 40 Grad.  „Jede Spalte wird da zu einem Kochtopf“, beschreibt Rex den Effekt, bei dem Dämpfe und Gase wie Seerauch in die Atmosphäre aufsteigen.

Woher kommen die Temperaturschwankungen in Europa?

Die schmelzende Arktis gilt nicht nur als Frühwarnsystem für den Klimawandel. Von der Polarregion aus zieht sich eine immer mächtiger werdende Luftströmungsbrücke Richtung Europa, die unsere Witterung  mit gewaltigen Temperaturgegensätzen, Starkregen und manchmal noch kurz vor dem Frühjahr auftauchenden plötzlichen Kälteeinbrüchen in Extreme stürzt. Selbst ein Hitzesommer wie der gerade vergangene kann Bezüge zur Arktis haben. „All diese Prozesse und ihre Dramatik sind in den bisherigen Klimamodellen teilweise schlecht dargestellt, was zu erheblichen Unsicherheiten der Klimaprognosen führt“, weiß Rex.

Auch für die Biologie soll das Megaprojekt ganz neue Erkenntnisse bringen. Mit einem mitgeführten U-Boot, das durch ein Loch im Eis abtauchen kann, soll erkundet werden, was eigentlich nach der Dunkelheit unter dem Packeis des arktischen Winters die Explosion des Lebens im Frühjahr etwa bei Algen und Krebsarten möglich macht.

Aber die Expedition hat noch einen anderen  Hintergrund: Der Tauprozess der Arktis hat unter anderem wegen neu entstehender Handelsrouten schon zu enormen politischen und ökonomischen Kontroversen geführt. „Da werden Investitionen von Hunderten Milliarden Euro geplant, die wissenschaftlich noch extrem unsicher unterfüttert sind“, so Rex.

Wissenschaftler arbeiten treibend in der Antarktis

Für die Polarstern mit 100 Menschen an Bord ist derzeit kein anderer Weg in die Nähe des Pols möglich als festgefroren im driftenden Eis. 2800 Kilometer wird die Polarstern bei der unregelmäßigen Fortbewegungsart hinter sich bringen. Neben dem Forschungseisbrecher entsteht auf der mindestens 1,5 Meter dicken Eisscholle von rund 1,5 Kilometer Durchmesser ein Netzwerk verschiedener Wissenschaftscamps. Hier richten die verschiedenen Teams Messstellen ein, um Ozean, Eis und Atmosphäre sowie das arktische Leben  zu erforschen.

Tim und Philipp, die beiden Söhne des Forschungsreisenden, werden ihren Vater während der langen Tour wohl vermissen. Aber die Reise birgt so viel Spannung und Herausforderung, dass die beiden Acht- und Zehnjährigen genauso wie ihre Mutter der Expedition schon heute entgegenfiebern. Während der sechs Monate wird die Kommunikation auf einige Telefonate mit dem Papa mit einem unförmigen riesigen Handy über ein spezielles, ursprünglich einmal für militärische Projekte geschaffenes Satellitennetzwerk beschränkt bleiben.

An viel Freizeit für sich während der Tour glaubt der AWI-Forscher nicht. Aber falls mal längere Pausen entstehen, bietet die Polarstern mit Schwimmbad und Sauna an Bord durchaus Entspannungsmöglichkeiten. Gelegentlich wird es auch kleine Partys im Laderaum geben. „Mit Blick auf an den Bullaugen vorbeiziehenden rosa schimmernden Eisbergen“, wie Rex ein wenig ins Schwärmen gerät. Zudem kann das Eis zu Skiwandertouren genutzt werden, die manchmal auch zu Treffen mit Eisbären führen. Seine bisherigen Begegnungen mit den Tieren waren zwar immer friedlich. Wegen der möglichen Gefahren muss aber bei eventuellen Exkursionen immer ein Gewehr mitgeführt werden. Gerald Dietz

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