Besser leben in Mecklenburg-Vorpommern

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Schon Wilhelm Busch wusste es genau. „Darum lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Und zwar das ganze Leben lang, denn Bildung fängt ganz früh an, geht in der Schule weiter, zieht sich durchs ganze Leben und hört dank Volkshochschule und Co. auch im Alter nie auf. Das wissen auch die Mecklenburg-Vorpommern – lesen Sie hier inspirierende Geschichten übers Lernen, Forschen und Entdecken.

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Junge Himmelsstürmer für die ISS

Die Gymnasiasten Adrian Schorowsky (v.l.), Leni Termann und Lara Neubert aus Rostock beeindrucken mit ihrem Projekt zum Recyceln von Kunststoff auf der Internationalen Raumstation (ISS) selbst Experten bei Airbus. Foto: Bernd Wüstneck

Drei Rostocker Schüler haben ein Verfahren entwickelt, wie man Kunststoffabfälle auf der Internationalen Raumstation ISS recyclen kann. Damit holten Lara Neubert, Leni Termann und Adrian Schorowsky (alle 18) beim Bundeswettbewerb von „Jugend forscht“ in diesem Jahr einen Preis.

Das hatten sie nicht erwartet. Als im Mai die Projekte im Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ in Darmstadt präsentiert wurden, da erhielten auch die drei Gymnasiasten aus Rostock eine Prämie. „Wir hatten gar nicht mehr damit gerechnet, dass wir noch aufgerufen werden“, erzählt Lara Neubert. Aber dann war natürlich die Freude groß. Ihr Preis wurde im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften vergeben.

Lara Neubert geht im Gymnasium Reutershagen in die 12. Klasse, Leni Termann und Adrian Schorowsky haben inzwischen die Schule verlassen. Aber die drei Nachwuchs-Forscher treffen sich immer noch regelmäßig. Sie wollen ihre Idee schließlich zur Serienreife bringen. „Bis zum Jahr 2022 möchten wir das geschafft haben“, setzt Lara Neubert den Zeitrahmen. Inzwischen haben sie ihr Patent angemeldet, die Patentrecherche läuft bereits und soll 2019 abgeschlossen sein.

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Kosten und Material sparen

„ReUse in Space“ heißt das Projekt. Worum geht es? Die drei erst 18-jährigen Forscher haben eine Idee ausgearbeitet, wie man Kunststoffabfälle auf der Internationalen Raumstation recyceln kann. „Dort fällt regelmäßig Verpackungsmüll an“, erklärt Lara Neubert. Es handelt sich bei dem Verpackungsmaterial um ein sogenanntes Low- Density-Polyethylen.

Wenn Güter zu Internationalen Raumstation geschickt werden, müssen sie für den Flug gut verpackt und gesichert sein. Doch nach dem Eintreffen im Orbit ist das Verpackungsmaterial– meist besteht es aus Polyethylen – nutzlos. Diese Verschwendung solle ein Ende haben. Hinzu kommt ein finanzieller Aspekt: Der Transport von einem Kilogramm Last zur ISS kostet ungefähr 50 000 Euro. Jedes Kilo, das nicht herangeschafft werden muss und dort oben produziert werden kann, spart auch noch bares Geld. Denn auf der Raumstation ist alles knapp.

Damit liegt der Gedanke nahe, auch das Verpackungsmaterial wiederzuverwerten. Vereinfacht gesagt funktioniert der Vorgang so: Die Abfälle aus Polyethylen werden eingeschmolzen und das Granulat zum Grundstoff für 3D-Drucker recycelt. Damit könnten zum Beispiel auf der Raumstation benötigte Ersatzteile hergestellt werden und Müll wird vermieden.

Trio eint die Lust am Forschen

Einer der Inspiratoren für die Idee war der deutsche Astronaut Thomas Reiter, der einen Vortrag an der Rostocker Uni gehalten hatte, erklärt Lara Neubert. Dass die drei jungen Forscher sich gefunden haben, verdanken sie auch dem Institut für Bildung und Forschung (Bilse) in Rostock. Adrian Schorowsky ging schließlich auf das Erasmus-Gymnasium in Rostock, Leni Termann und Lara Neubert auf das Gymnasium Reutershagen.

Das Bilse-Institut, das auch Kontakte zwischen Schule und Wirtschaft knüpft, koppelte die drei Schüler zusammen, die sich dann in dieses Projekt stürzten. Und das mit Erfolg. „Das Interesse an der Forschung hat uns zusammengebracht“, sagt Lara Neubert. Große Unterstützung fanden die drei Schüler auch bei der Rostock System-Technik GmbH und beim Leibniz-Institut für Katalyse an der Universität Rostock.

Als die Recycling-Idee für das Projekt „ReUse in Space“ ausgereift und präsentationswürdig war, nahm das Trio am Landeswettbewerb Mecklenburg-Vorpommern von „Jugend forscht“ in Rostock teil. Mit Erfolg: Im März konnten sich Leni Termann, Lara Neubert und Adrian Schorowsky über eine Qualifizierung zum Bundeswettbewerb in Darmstadt freuen.

Dort traten sie im Mai 2018 im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften an. Zur eigenen Überraschung holten sie dort den Sieg. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) gratulierte den Siegern.

Live-Schaltung zur ISS

Ein weiterer großer Moment war Anfang September, als das Trio bei Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Berlin eingeladen wurde. „Alle Preisträger waren dort“, berichtet Lara Neubert, so war die Elite von „Jugend forscht 2018“ beieinander. Höhepunkt der Veranstaltung in Berlin war eine Live-Schaltung zur Internationalen Raumstation ISS, während der die Schüler mit dem deutschen Astronauten Alexander Gerst sprechen konnten.

So eine Schaltung ins All ist wegen der Zeitverzögerungen eine aufwendige Angelegenheit. „Leider gab es deshalb keine Gelegenheit mehr, mit der Bundeskanzlerin zu sprechen“, sagt Lara Neubert. Ein Erlebnis war dieses Zusammentreffen jedoch allemal.

Nun kommen die drei jungen Forscher regelmäßig weiter zusammen, um ihre prämierte Idee praxisfest zu machen. Eine platzsparende und weltraumtaugliche Technologie muss her, so muss ein präziser 3D-Drucker unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit das Granulat verarbeiten können.

Inzwischen ist auch der Airbus- Konzern auf das Projekt der drei Schüler aufmerksam geworden. Der internationale Flugzeughersteller hat Interesse an der Technologie angemeldet. Und: Die Idee des Recyclings im All reicht sogar weit in die Zukunft. „Das wäre auch für Missionen zum Mars interessant“, betont Lara Neubert. Thorsten Czarkowski

Eine Vision für Rostock und Mecklenburg Vorpommern

Harald Lochotzke ist ein knallharter Geschäftsmann in der Rostocker Immobilienszene. // Foto: Michael H. Max Ragwitz

Harald Lochotzke will mit seinen Projekten das Stadtbild der Hansestadt nachhaltig bereichern. Er wird deshalb im Netz auch als Visionär, Projektentwickler, Bauherr und umtriebiger bezeichnet. Allenfalls seine aschblond wallende Mähne und die modische Kleidung samt Accessoires heben den Rostocker äußerlich etwas ab.

Aber was treibt ihn an? „Die Neugier und das Wissen um die Verantwortung, die Fragen des Alltags, vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht, beantworten zu können“, meint er vielsagend. Vom Kern her sei er aber Projektentwickler, das habe er sein Leben lang in verschiedensten Verantwortungsbereichen gemacht, so Lochotzke.

Von der Wende in seinem Land DDR hat er auf Kuba erfahren. Und musste sich erstmal „ein paar Mochito reinziehen“. Seiner Heimatstadt Rostock den Rücken zu kehren, kam ihm jedoch nie nur ansatzweise in den Sinn.

Neue Impulse für die Region

Harald Lochotzke „machte fortan in Immobilien“. Inzwischen ist er der unumstrittene Platzhirsch in der Immobilienszene in Rostock, gilt als knallharter Geschäftsmann. Dass er 2003 als Motor der Olympiabewerbung für Rostock 2012 als Stasi-IM enttarnt wurde, kommentiert Lochotzke salomonisch: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Bewerbung den einen oder anderen nicht so glücklich gemacht hat wie uns.“ Er stehe auch heute noch zu jeder Entscheidung, die er in seinem Leben getroffen habe. Im Übrigen sei er dafür dankbar, was ihm die DDR an Entwicklungsmöglichkeiten geboten habe.

Mit seinem Projekt „Zuckerhut“ zeigt er eine völlig neue Dimension in der Stadtentwicklung auf. Der Standort am alten Stadthafen sei einzigartig in Europa und eine unglaubliche Chance für die Hansestadt, schwärmt Lochotzke. Seine Vision für Rostock und das Land MV: „Wir haben die Aufgabe, Stadt und Land spannend für die Bürger und ihre Gäste zu gestalten.“ Michael H. Max Ragwitz

Greifswalder Professorin will Nieren retten

Prof. Nicole Endlich forscht in einem Nordverbund für ein Medikament gegen Nierenkrankheiten. Foto: Eckhard Oberdörfer

Greifswald. Nicole Endlich will Menschen mit Nierenkrankheiten helfen. Die Professorin am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Greifswald hat im letzten Jahr den Nordverbund „Save the Kidney“ initiiert. Für den Oktober ist die Vereinsgründung geplant.

Nicole Endlich ist unglaublich aktiv. Ein nationales Netzwerk wird geknüpft, die Firma Euroimmun für eine Zusammenarbeit gewonnen, Anträge für Forschungsförderungen laufen. Die Medizinerin hat Interesse am Projekt in der Politik bis hin zu Kanzelerin Angela Merkel (CDU) geweckt. Geradezu einleuchtend, denn es sind keine heilenden Medikamente auf dem Markt. Dabei leiden zehn Prozent aller Menschen weltweit nach Schätzungen bereits an chronischen Nierenerkrankungen. In Vorpommern sind es laut der SHIP-Studie (Study of Health in Pomerania) schon jetzt 17 Prozent.

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Spendernieren sind nicht die beste Alternative

Nicole Endlich weiß, wovon sie spricht. Sie betreibt seit zwei Jahrzehnten mit ihrem Mann Prof. Karlhans Endlich Grundlagenforschung zur Niere in Greifswald. „Das Fortschreiten der Erkrankung führt schließlich zum Ausfall der Niere“, erläutert Nicole Endlich. Dann bleibt nur die Suche nach einem Spenderorgan oder die Dialyse. „Eine Spenderniere hält aber nur einige Jahre“, bedauert sie. „Und eine Dialyse bringt große Risiken mit sich. Viele Patienten bekommen an Herz-Kreislauf-Krankheiten und sterben daran.“

Da mit einem weiteren starken Anstieg der Nierenerkrankungen gerechnet werde, müsse mehr für die Suche nach Therapien, nach Vorbeugungsstrategien und geeigneten Medikamenten getan werden, meint Endlich. Sie hat ihr Projekt inzwischen auch in verschiedenen Medien und auf Konferenzen vorgestellt. Daraufhin hätten sich auch private Spender gemeldet, die aus eigener Erfahrungen wissen wie wichtig die Suche nach Nierenmedikamenten ist.

Bis zu zwei Millionen Substanzen werden getestet. Dazu gehören etwa 800 zugelassene Medikamente, die das Hamburger Fraunhoferinstitut als Kooperationspartner zur Verfügung stellt. „Wir haben ein Verfahren, wie sich die Wirksamkeit überprüfen lässt“, so die Professorin.

Darum ist die Niere so sensibel

Vereinfacht gesagt, wirke die Niere wie ein Sieb, der die vom Körper benötigten Stoffe zurückhält, aber auch dafür sorgt, dass schädliche Stoffe ausgeschieden werden. Die Achillesferse des Siebs sind die Füßchenzellen. Ihren Namen haben sie, weil sie mit ihren „Füßchen“ miteinander gitterähnliche Siebe ausbilden, was entscheidend für die Filtration des Bluts ist. Werden diese Füßchenzellen krank oder gehen sogar verloren, so können sie nicht ersetzt werden, da sie unfähig sind sich zu erneuern. Der Mensch ist dann todkrank und benötigt entweder eine Ersatzniere oder muss zur Dialyse.

„Wir wollen auch die Diagnostik verbessern“, so Nicole Endlich weiter. „Für ein neues Verfahren, das sehr schnell exakte Ergebnisse liefert, läuft die Patentanmeldung.“

Die Firma NIPOKA wurde gegründet, um PEMP (Podocyte Exact Morphology Measurement Procedure) in der Praxis als Dienstleistung zu nutzen. Den Ideenwettbewerb der Uni Greifswald gewannen die Endlichs mit ihrem Team 2018 in der Kategorie Forschende/Absolventen, beim Landeswettbewerb MV belegten sie den dritten Platz.  Eckhard Oberdörfer

Ökologische Beschäftigungsinitiative gibt Menschen eine Perspektive

Egbert Zietz, der Vereinsvorsitzende der Ökologischen Beschäftigungsinitiative Krummenhagen, stellt Lehmziegel her. Foto: Miriam Weber  

Krummenhagen. Grüne Wiesen, weite Felder, kleine Dörfer – vorpommersche Idylle pur. Wer dem Stadtlärm und der Hektik entkommen möchte, um der Natur wieder ein Stück näher zu sein, ist dort, in Krummenhagen, einem Dorf ein paar Kilometer vor Stralsund gelegen, genau richtig. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn dieses ländliche Idyll, oder einfach nur weitab vom Schuss, drohte den Dorfbewohnern zum Verhängnis zu werden.

„Viele sind nach der politischen Wende arbeitslos geworden. Im Jahr 1991 haben wir die ökologische Beschäftigungsinitiative Krummenhagen (Öbik) gegründet, um den Menschen wieder eine Perspektive zu bieten“, sagt Egbert Zietz, der heute Vorstandsvorsitzender des Vereins ist. Damals war es das Ziel, die vorpommersche Dorfstruktur zu verbessern und ökologische Innovationen zu entwickeln und umzusetzen. „Der ökologische Bereich war ein freies Feld, bei dem wir niemandem auf die Füße getreten sind.“ Um es vorweg zu nehmen, die Öbik wurde eine Erfolgsgeschichte.

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„Wir haben damals umfangreiche Förderung erhalten, waren Träger diverser Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, erinnert sich Egbert Zietz. In Spitzenzeiten waren etwa 130 Mitarbeiter für den Verein beschäftigt. „Wir haben klein angefangen und sind später ein riesiges Regenbogenprojekt geworden, bunt und umspannend.“ Kräutergarten, Pferdestall, Reiten, Zeltlager für Kinder, Weberei, Töpferei, Käserei… Alte Häuser wurden saniert, die Dorfstraße gepflastert. Höhepunkt im Vereinsleben, an den sich heute noch viele Menschen in der Region erinnern, war der Besuch des britischen Thronfolgers Prinz Charles, im Jahr 1997. „Das absolute Highlight“, erinnert sich Egbert Zietz mit einem Lachen.

Umwelt steht immer im Vordergrund

Aber das Ziel sei immer gewesen, Arbeitsplätze zu beschaffen. Deshalb gründeten sich verschiedene Firmen, die ihren Ursprung in der Öbik hatten, um die Jahrtausendwende aus. Teilweise gibt es diese Firmen heute noch. Das reicht vom Kinderbauernhof Pustow von Bernd Simon über die Lehmbaumanufaktur von Egbert Zietz, die Gemeinschaftsküche Rumpelstilz von Burkhard Steinfurth bis hin zum Biobauernhof Alter Pfarrhof von Claudia Resthöft.

„Nachdem sich die Firmen ausgegründet hatten, mussten wir uns als Verein neu orientieren“, sagt Vorstandsmitglied Brigitte Gebhardt. Bei den Überlegungen, wie es weiter gehen sollte, rückte immer mehr die Umweltbildung in den Fokus. „Unser Seminarhaus ,Eulenhof‘, das die materielle Basis des Vereins abgesichert hatte, wurde langsam zu klein“, schaut Egbert Zietz zurück. Also wurde die Idee vom Projekthaus und Quartier „Penne“ geboren.

Vor allem Schulklassen sind in das Haus eingeladen. Eine Kombination aus saniertem Alt- und Neubau. „Im Moment stehen 22 Schlafplätze zur Verfügung, doch wir werden Stück für Stück auf 38 Betten aufstocken. Wir wollen die Schulklassen gern nach Krummenhagen locken, Urlaub im ländlichen Raum und abseits der gängigen Touristenpfade.“

Für die Klassen gebe es ein umfangreiches Bildungsangebot aus verschiedenen Bereichen wie Umwelt, Bauen mit Naturbaustoffen oder kreative Gestaltung. „Dabei greifen wir auf die Firmen zurück, die sich zum einen aus der Öbik ausgegründet und in der Region angesiedelt haben“, sagt Egbert Zietz. Fledermauswanderung, den Seeadlern auf der Spur, unterwegs in Wald und Flur – für die Kinder gibt es einiges unter Anleitung zu entdecken. Nicht zuletzt ist die Welterbestadt Stralsund nur ein paar Kilometer entfernt.

Endlich wieder eine Dorfgemeinschaft

Innerhalb des Projektes „Penne“ wird eine weitere Idee intensiv verfolgt, die Kinderküche. In dieser Küche sollen unter fachgerechter Anleitung von Profiköchen des Kooperationspartners Gemeinschaftsküche Rumpelstilz Kindergruppen die Grundlagen einer gesunden Ernährung erlernen und sehen, wie man einfache Gerichte selbst zubereiten kann. „Das geht aber Schritt für Schritt, denn dafür benötigen wir zum Beispiel eine neue Kücheneinrichtung“, sagt Egbert Zietz.

Eine Sache betont der Vorstandsvorsitzende immer wieder: „Die Öbik hat eine wichtige soziale Komponente“, sagt er und schaut dabei in Richtung Brigitte Gebhardt. „Einmal im Monat treffen sich in der Penne die Dorffrauen“, sagt sie. „Hier haben wir eine Basis.“ Die Frauen des Dorfes sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass es wieder so etwas wie eine Dorfgemeinschaft gibt. Verschiedene Aktionen wie Malkurse mit Pastellkreide oder eine Blumenbörse werden organisiert.

„Außerdem gibt es seit elf Jahren den Dorfbrunch. Einmal im Jahr treffen sich dort alle Dorfbewohner.“ Basteln, klönen, gemeinsam lachen und mal wieder schauen, wie es dem Nachbarn geht. „Das ist es doch, was ein Dorf ausmacht“, ist Brigitte Gebhardt überzeugt. Miriam Weber

Jorge Chau erforscht die mittlere Atmosphäre

Prof. Dr. Jorge Chau vor der Radarantennen-Anlage im Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn. Foto: OZ

Auf dem Weg von seinem Büro zur Radarstation hat Professor Jorge Chau einen herrlichen Blick von einem Hügel über Kühlungsborn auf die Ostsee. Doch beruflich richtet sich der Blick des Radar-Experten vor allem nach oben: Er erforscht am Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik (IAP) Phänomene in der mittleren Atmosphäre und dabei vor allem die Verbindung verschiedener Schichten.

Das hat durchaus einen aktuellen praktischen Bezug: Die lang anhaltende Hitzewelle in Mitteleuropa wird von Meteorologen auch auf ungewöhnliche Veränderungen beim Polarjet zurückgeführt, dem weltumspannende Starkwindband über der Nordhalbkugel, das unter anderem den Wechsel von Hochs und Tiefs beeinflusst. Auch Chau befasst sich mit dem Polarjet, wenn auch mit dem winterlichen: „Der Polarjet war im auch letzten Winter außergewöhnlich“, stellt Chau fest.

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Und das war nicht das erste Mal: Vor genau zehn Jahren wies Chau, damals noch in seiner Heimat Peru, als einer der ersten Wissenschaftler weltweit nach, dass es eine Verbindung zwischen Veränderungen am Polarjet und der Bildung elektrischer Felder in der Ionosphäre etwa 500 Kilometer über dem Äquator gibt.

Preisintensive Forschung

Ein Jahr später, im Winter 2009, beobachtete er dann erneut eine Besonderheit in der polaren Stratosphäre in etwa 30 Kilometern Höhe: Innerhalb von drei Tagen erwärmte sich die Luft dort um 60 Grad. „Ich bin zu meinem Chef gegangen und sagt ihm: ,Wir müssen das Radar anschalten, es wird etwas passieren.’“

Sein Chef zögerte, denn die Nutzung des Radars kostete pro Tag  15 000 Dollar. Doch er ließ sich überzeugen und tatsächlich: „Am vierten Tag stellten wir in der äquatorialen Ionosphäre ein elektrisches Feld fest, das dreimal variabler war als unter normalen Bedingungen.“ Diese magnetischen Felder können unter anderem das globale Positionierungssystem GPS stören und sich damit auf Luftfahrt, Landwirtschaft oder Forschung auswirken.

Seit 2013 ist Chau nun in Kühlungsborn, wo er die Abteilung Radarsondierung leitet. Privat spielt er Fußball, läuft Marathon und engagiert sich sozial im Rotary-Club – wenn es die Arbeit am IAP zulässt. Als Arbeitsgerät dient ihm dort vor allem ein Netz aus Radarsystemen, die am Institut in Kühlungsborn, aber auch in Juliusruh auf Rügen, in Neustrelitz (Kreis Mecklenburgische Seenplatte), Potsdam und Collm (Sachsen) stehen. „Damit sind wir in der Lage, die Windbewegungen in einem 1000 mal 500 Kilometer großen Bereich in Höhen zwischen 60 und 120 Kilometern exakt zu messen.“

„Merkwürdige physikalische Phänomene“

Die äquatoriale Ionosphäre erreicht er damit allerdings nicht. Daher wartet Chau gespannt auf die Ergebnisse anderer Forschungseinrichtungen, die ihm die Werte über die elektrischen Felder liefern, die dort – so erwartet er jedenfalls – infolge des außergewöhnlichen Winter Polarjets im Norden Hemisphäre entstanden sind. „Ich erwarte, dass der Effekt länger angehalten hat als bei vorherigen Ereignissen 2008, 2009 oder 2013.“

Die Kopplung zwischen niedrigeren Luftschichten in polaren Breiten und höheren am Äquator ist nur ein kleiner Aspekt der Forschung am Institut für Atmosphärenforschung, betont Institutsdirektor Professor Franz-Josef Lübken: „Wir erforschen die mittlere Atmosphäre zwischen 20 und 120 Kilometern Höhe. Dort gibt es merkwürdige physikalische Phänomene.“ So ist es an der so genannten Mesopause in etwa 90 Kilometern Höhe im Sommer viel kälter als im Winter. „Nördlich des Polarkreises ist es dort im Sommer 100 Grad kälter, als man aufgrund von Strahlung erwarten würde. Verantwortlich hierfür sind sogenannte Schwerewellen, die am IAP intensiv erforscht werden.“, sagt Lübken.

Neben dem Radar, für das Professor Chau verantwortlich ist, rücken die Wissenschaftler am IAP den Geheimnissen auch mit Höhenforschungsraketen sowie mit Laserimpulsen zu Leibe: Letztere werden in den Himmel geschickt und in der Atmosphäre von Luft- und Wolkenteilchen zurückgeworfen. Aus der Streuung der wieder auf der Erde empfangenen Strahlung ziehen sie Rückschlüsse über Temperaturen und Windgeschwindigkeiten.

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